Südtiroler Landwirteverband wird zum faschistischen Syndikat
„Kein deutscher Südtiroler Bauernbund mehr“, titelt die Tiroler Bauernzeitung am 3. Juni 1926 einen Bericht über die Auflösung der Leitung des Südtiroler Landwirteverbandes und der Umwandlung in eine „syndikalische Vereinigung.“ Die Innsbrucker Nachrichten gehen in ihrer Ausgabe vom 28. Mai auf die Hintergründe ein und berichten aus Bozen:
„Die planmäßige Hetze des ehemaligen Sekretärs des deutschen Bauernbundes in Südtirol, Rupert Steger, gegen die derzeitige Leitung des Bauernbundes in der faschistischen ‚Alpenzeitung‘, in die Steger als Leiter des ‚Bauernboten‘ eingetreten ist, hat nun zu dem von faschistischer Seite schon lange angestrebten Ergebnis geführt. Durch eine Regierungsverordnung wurde die Leitung des Südtiroler Bauernbundes aufgelöst und es wurde die Umwandlung des Bundes in ein faschistisches Syndikat angekündigt. Die bisherige Leitung wurde von der Fortführung der Geschäfte enthoben und die vorläufige Leitung einem Komitee übertragen, an dessen Spitze der Gastwirt Stampfl aus Untervintl [sic!] steht. Am Sonntag findet eine Generalversammlung statt, in der das Komitee bezw. die Vertreter des Bauernbundes, soweit sie noch Versammlungsfreiheit haben, zu der geänderten Lage Stellung nehmen und über die Zukunft der deutschen Bauernschaft in Südtirol Beschlüsse fassen wollen.*
Es ist tief bedauerlich, daß der Dolchstoß gegen die deutsche Bauernschaft in Südtirol von einem Manne geführt wurde, der sich vor kurzem noch als stramm deutsch und als überzeugter Vertreter der Interessen der Südtiroler Bauernschaft im In- und Auslande ausgegeben hat, dann aber in das faschistische Lager übergegangen ist. Der Name Rupert Steger wird unter den Südtiroler Bauern den gleich bösen Klang erhalten wie der Name des Verräters Raffl. Auch die Italiener werden den Charakter Stegers richtig zu beurteilen wissen.“
Der Südtiroler Bauernbund (SBB) gilt heute als größter Wirtschaftsverband Südtirols mit über 20.000, mehrheitlich deutschsprachigen, Mitgliedern. Die landwirtschaftliche Interessensvertretung wurde 1904 in Sterzing als Tiroler Bauernbund gegründet. Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen wurde, formierte sich der Bauernbund als Südtiroler Landwirteverband neu, wurde aber 1926 aufgelöst und in die Federazione Sindacati Fascisti degli Agricoltori umgewandelt. 1945 wurde der Bauernbund unter dem Namen Provinzialverband der Landwirte der Provinz Bozen, kurz Landwirteverband, neu gegründet und noch im selben Jahr in Südtiroler Bauernbund umbenannt.