Die Erler Passionsspiele haben eine lange Tradition und zählen zu den ältesten im deutschsprachigen Raum: Die Spiele gehen auf ein Gelübde in Pest- und Kriegszeiten im 17. Jahrhundert zurück, wurden über Jahrhunderte in unregelmäßigen Abständen aufgeführt und finden gegenwärtig alle sechs Jahre im Passionsspielhaus in Erl statt. Im Jahr 2013, zum 400-jährigen Jubiläum der Festspiele, wurden die Passionsspiele Erl in das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen.
Im Sommer 1926 widmeten die Erler ihre Festspiele nicht der Passion Christi, sondern führten anlässlich des 700. Todestages des Hl. Franziskus ausnahmsweise ein Franziskus-Spiel auf. Der Tiroler Wastl berichtet in seiner Ausgabe vom 23. Juli über die Aufführungen, die durchaus auch auch eine politische Schlagseite hatten: Der Verzicht auf eine Pilgerfahrt nach Assisi galt als stilles Zeichen des Protests gegen die Unterdrückung der Südtiroler:
„Die Erler haben heuer anstatt der üblichen Passionsspiele ein vom P. Hippolytus Böhlen, O.F.M. verfaßtes Franziskus-Spiel in den Plan aufgenommen. Es wird eingehender darüber in der nächsten Folge des ‚Tiroler Sonntagsblattes‘ berichtet werden. Für heute sei nur darauf aufmerksam gemacht und betont, daß dieses Erler Spiel hinsichtlich der Aufführung den Darstellern alle Ehre macht. Es ist geradezu staunenswert, wie diese einfachen Leute aus dem Bauernstande eine nicht leichte und ihnen vielfach gewiß nicht durchaus verständliche Sprache klaglos beherrschen und die Rollen meistern. Zweifellos in aller erster Linie das Hauptverdienst des Spielleiters Max Höller, der damit wieder zeigte, welch tüchtiger, zielsicherer und genialer Künstler, Berater und Leiter er ist. Jene, die von einem Fiasko oder noch ärgerem zu sagen oder doch zu munkeln wußten, kamen also nicht auf ihre Rechnung. Das Erler Franziskus-Spiel ist aber auch noch von anderem Standpunkte aus sehr zu schätzen. In seiner ebenso schneidigen, wie richtig durchdachten Begrüßungsrede betonte der Spielberater P. Robert Hammer, ein junger Franziskaner, die besondere Seite des Franziskus-Spieles in Erl. Er meinte u. a.: ‚Das Verhalten Italiens gegenüber unseren deutschen Brüdern in Südtirol verbietet es dem deutschen Bewußtsein und Gewissen, zur Siebenhundertjährigen Feier des Todestages des hl. Franziskus nach Assisi zu pilgern. Daher soll heuer Erl mit seinen Spielen der Wallfahrtsplatz sein, wo auch der deutsche Katholik ungehemmt die Gedenkfeier würdig begehen kann.‘ Also gerade auch von diesem Standpunkte aus ist die Veranstaltung der Erler-Franziskus-Spiele sehr zu begrüßen. Unsere deutschen Bauern im Dorf Erl können übrigens die Franziskus-Erinnerungs-Schillinge und -Mark deutscher Katholiken nicht minder gut verwerten wie die welschen Wirte und Kaufleute von Assisi. Also, nicht dahin, wer Franziskus feiern will, sondern herbei in das trauliche Dörflein Erl im Unterland!