Wiener Sängerknaben in der Sommerfrische in Hinterbichl
1924 entdeckte Josef Schnitt, Rektor der Wiener Sängerknaben, auf einer Dolomitentour das abgeschiedene Osttiroler Dorf Hinterbichl. Auf ärztlichen Rat wurden die Knaben – meist Stadtkinder aus einfachen Verhältnissen, die als blass und unterernährt galten – im Februar 1925 erstmals zur Erholung nach Osttirol geschickt. Mit Erfolg: Hinterbichl wurde zur fixen Sommerresidenz der Sängerknaben.
Die Lienzer Nachrichten berichteten am 23. Juli 1926 vom Eintreffen der Kinder:
„Die Sängerknaben der Wiener Hofburgkapelle sind am Samstag den 17. D. M., mit dem Brennerzug von Innsbruck hier angekommen. Viele Lienzer, die um dieselbe Zeit zum Empfang der Speckbachermusik vor dem Bahnhof warteten, haben die Sängerknaben in ihren blauen Matrosenanzügen gesehen. Die jungen Wiener Sänger haben am Donnerstag und Freitag voriger Woche im Innsbrucker Stadttheater zwei Opernaufführungen gegeben, mit denen sie sich zu tiefst in das Herz des musikliebenden Publikums unserer Landeshauptstadt eingeschmeichelt haben. Nach einem im Gasthof ‚Traube‘ eingenommenen Abendimbiß brachte das große neue Kalser Auto der Osttiroler Kraftwagengesellschaft die Sängerschar mit ihren Professoren noch am gleichen Abend nach Matrei, von wo sie nach Prägraten in die Sommerfrische zogen. Vor der Abfahrt erfreuten die Sängerknaben auf dem kaiser-Josefplatz ein zufälliges Publikum mit zwei Liedern, einem lustigen Jägerliedl und mit dem bekannten Sang: ‚Wer hat dich, du schöner Wald…‘ Wer dieses frisch-frohe und doch so gut durchgeschulte Singen der ‚Wunderkinder‘, wie sie ein Kunstfreund nennt, gehört hat, ist davon begeistert und weiß, welch vornehme und hochkünstlerische Traditionen das Institut der Sängerknaben der Wiener Hofburgkapelle pflegt. Der Wunsch, die kleinen Wiener Künstler auch in Lienz einmal zu hören, kann nicht unterdrückt werden!“
1930 eröffnete das eigens errichtete Hotel „Wiener Sängerknaben" mit 150 Betten, samt Elektrizitätswerk, Bäckerei und Selcherei. Bald kamen auch zahlende Gäste aus aller Welt, um die singenden Engel zu hören, und Hinterbichl entwickelte sich zu einem der meistbesuchten Sommerfrischorte Österreichs. Mit dem wachsenden Hotelbetrieb rückte die Erholung der Kinder jedoch zunehmend in den Hintergrund. Im Zweiten Weltkrieg fanden die Sängerknaben in Hinterbichl Zuflucht vor den Bombardierungen Wiens. In den 1950er Jahren erwies sich die Verbindung von Hotelbetrieb und Knabenchor als nicht mehr tragfähig – der Komplex wurde verkauft, die Sängerknaben übersiedelten an den Wörthersee.