Südtiroler Kredit- und Genossenschaftswesen unter Druck

Bis heute sind die Raiffeisenkassen fest vor Ort verankert, im Bild die Raiffeisenkasse Niederdorf im Jahr 1959 © Raiffeisenverband Südtirol

Landwirtschaftliche Zentralkasse erhält einen Regierungskommissär
Die Geschichte des Genossenschaftswesens in Tirol reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Nach den Leitgedanken von Friedrich Wilhelm Raiffeisen entstanden die ersten landwirtschaftlichen Genossenschaften. Landwirte schlossen sich zu Sennerei-, Kellerei- und Obstgenossenschaften sowie zu Raiffeisenkassen zusammen. 1895 nahm in Innsbruck die Raiffeisenzentralkasse unter der Bezeichnung „Verband der Raiffeisenkassen und landwirtschaftlichen Genossenschaften Deutschtirols“ ihre Tätigkeit auf. Mit der Abtretung Südtirols an Italien 1918/19 endete auch die Mitgliedschaft der Südtiroler Kassen bei dieser Dachorganisation. 1921 wurde die landwirtschaftliche Zentralkasse in Bozen gegründet. Sie war fortan das zentrale Finanzinstitut des ländlichen Genossenschaftswesens und hatte die Aufgabe, die lokalen Raiffeisenkassen und landwirtschaftlichen Genossenschaften in der Region zu bündeln sowie Kredite für die bäuerliche Bevölkerung bereitzustellen.
Im Herbst 1926 griff der faschistische Staat auf die Zentralkasse zu. Der Allgemeine Tiroler Anzeiger berichtet darüber am 12. Oktober 1926 unter dem Titel „Der italienische Vorstoß gegen das deutsche Kreditwesen in Südtirol“:
„Vor einigen Tagen wurde, wie bereits berichtet, in Bozen die Generalversammlung der landwirtschaftlichen Zentralkasse von den Faschisten gesprengt und an Stelle des gewählten Vorstandes ein Regierungskommissär eingesetzt.
In Südtirol bestehen in den meisten Gemeinden Raiffeisenkassen, die für den Geldbedarf der Landwirte aufzukommen haben; es bestehen landwirtschaftliche Organisationen, Kellerei-, Molkerei- und Obstverwertungsgenossenschaften, so verschiedene andere Zusammenschlüsse auf landwirtschaftlicher oder gewerblicher Grundlage, die das Kreditwesen beanspruchen und sich erfahrungsgemäß an die heimischen Kreditinstitute, zu denen sie Vertrauen besitzen, wenden. Die Zentrale aller dieser Organisationen ist in Südtirol die landwirtschaftliche Zentralkasse, welche den Italienern schon lange ein Dorn im Auge war, weil die zahlreichen italienischen Banken, die in Südtirol Zweiganstalten eröffnet hatten, von der heimischen Bevölkerung fast nicht in Anspruch genommen wurden. Freilich – nach den Erfahrungen, die man in Südtirol in den Anfangsjahren nach dem Zusammenbruch gemacht hatte, wo die italienischen Banken Kredite geradezu aufdrängten, um sie in schweren Zeiten rücksichtslos zu künd[ig]en und einzutreiben, nach diesen Erfahrungen hatte die deutsche Bevölkerung auch wenig Luft, ihre Kreditansprüche bei den Italienern anzumelden, wenigstens solange nicht, als das deutsche Kreditwesen für den Geldbedarf ausreichte. Wenn sich jedoch eine Organisation genötigt sah, um einen Kredit bei einem italienischen Geldinstitute nachzusuchen – wie unlängst eine Raiffeisenkasse des Pustertales, so waren die Bedingungen der Kreditgewährung keine leichten; die erwähnte Raiffeisenkasse mußte sich die Kontrolle über die gesamte Geschäftsgebarung gefallen lassen, und sie ist derzeit, bis zur Rückzahlung des Darlehens, völlig von der italienischen Bank abhängig.
Mit dem Schlage, den der Faschismus nunmehr gegen das deutsche Kreditwesen geführt hat, ist aber nicht bloß eine weitere Kasse der italienischen Kontrolle unterworfen, sondern das gesamte landwirtschaftliche Kreditwesen mit nicht weniger als 132 Raiffeisenkassen Südtirols[,] und mit dem landwirtschaftlichen Kreditwesen ist die ganze land- und forstwirtschaftliche Organisation getroffen, die der Zentralkasse unterstellt ist. Denn daß nun Kredite an deutsche Organisationen nur mehr unter erschwerten Bedingungen oder überhaupt nicht gegeben werden, ist leicht ersichtlich, da die Schädigung der deutschen Wirtschaft der Hauptzweck des faschistischen Streiches war.
In der letzten Generalversammlung, bei der die Deutschen mit roher Gewalt hinausgeprügelt wurden, ist Dr. de Steffanini, Amtsbürgermeister von Bozen, satzungswidrig vom Regierungskommissär eingesetzt worden, der voraussichtlich die Zentralkasse nicht so bald verlassen dürfte. […]“
1927 wurde die Zentralkasse unter politischem Druck aufgelöst. Im Trentino wurde im selben Jahr die Banca Cattolica di Trento, die als Zentralbank der katholischen Genossenschaften galt, auf Betreiben des Regimes mit der Banca Cooperativa di Trento zur Banca del Trentino e dell’Alto Adige zwangsfusioniert.
Kontakt
Generalsekretariat des EVTZ "Europaregion Tirol - Südtirol - Trentino"
Waaghaus - Laubengasse 19/A, I-39100 Bozen