„Sie haben einen guten Mann begraben, uns aber war er mehr“
Der letzte deutsche Bozner Bürgermeister Julius Perathoner (1849–1926)

Bozens letzter deutschsprachiger Bürgermeister Julius Perathoner ist vor 100 Jahren verstorben. © Gemälde von Alois Delug, Privatsammlung, gemeinfrei via Wikimedia Commons

Am 17. April 1926 verstarb in Bozen der langjährige Bozner Bürgermeister Julius Perathoner. Der ausgebildete Jurist wurde 1849 in Dietenheim bei Bruneck geboren, studierte in Innsbruck Rechtswissenschaften und betrieb eine eigene Kanzlei in Bozen. 1892 wurde Perathoner in den Reihen der Deutschfreiheitlichen Partei erstmals in den Bozner Gemeinderat gewählt, 1895 wurde er Bürgermeister. Von 1901 bis 1911 war er zudem Reichratsabgeordneter in Wien und von 1902 bis 1907 Landtagsabgeordneter in Innsbruck.
Julius Perathoner war Bozens letzter deutschsprachiger Bürgermeister. Seine Amtszeit war von einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung geprägt, viele seiner stadtplanerischen und kommunalpolitischen Entscheidungen bestimmen das Bozner Stadtbild bis heute. Dazu zählen unter anderem das Stadtmuseum, das Stadttheater, die Rittner Bahn, die neue Talferbrücke, der Ausbau der Bozner Wassermauer, das neue Rathaus und mehrere Schulgebäude. In seinem politischen Wirken galt er als moderat und wurde als ein Mann des Ausgleichs beschrieben. Im Nachgang zum faschistischen „Marsch auf Bozen“ vom 3. Oktober 1922 wurde Perathoner mit seinem Stadtrat von der italienischen Regierung abgesetzt und durch einen kommissarischen Verwalter ersetzt.
Anlässlich seiner Beerdigung ordnet der Volksbote in seiner Ausgabe vom 22. April das Wirken Perathoners ein und bedient sich dabei eines Zitats von Johann Wolfgang von Goethe aus Faust I (Osterspaziergang): „Sie haben einen guten Mann begraben, uns aber war er mehr“. In dem Nachruf auf der Titelseite ist unter anderem zu lesen:
„Heute trugen sie den letzten Bürgermeister der Waltherstadt zu Grabe. Ein ganzes Volk schritt hinter seiner Bahre, durch die Straßen der Stadt, für die der in Gott Entschlafene gelebt und gearbeitet. Ueber ein Vierteljahrhundert war Perathoner Bozner Bürgermeister gewesen. ‚Meister‘ im vollsten Sinne des Wortes, der die genialsten Pläne mit unbeugsamer Tatkraft zur Wirklichkeit werden ließ, der Schwierigkeiten und Hindernisse nicht achtend, die sich ihnen entgegenstellten. […]
‚Sie haben einen guten Mann begraben‘. Wer in dem Verstorbenen nur den harten Mann der Pflicht gekannt hätte, der hätte nicht das volle Bild von ihm. In diesem eisernen Mann steckte ein kindliches Gemüt und ein kinderliebendes Herz. Davon reden buchstäblich die Steine, die vielen prachtvollen Schulbauten, um die größere und reichere Städte die Bozner Bürger und Kinder beneiden. Und was noch mehr ist, Perathoner sorgte, daß diese Schulpaläste keine kalten Steine blieben. Frisches, warmes Leben leitete er hinein, regstes geistiges Leben zur Bildung von Kopf und Herz des heranwachsenden Geschlechtes. Unter Perathoners Bürgermeisterschaft sind die Bozner Schulen Musterschulen geworden. Eine wahre Schulfreudigkeit hatte Kinder und Lehrer und auch die Eltern erfaßt, die zu Höchstleistungen führte. Das Bewußtsein, daß eine gute Erziehung und Schulbildung größerer Reichtum ist als der höchste Wohlstand, der Kinder vererbt werden kann, wurde zum Gemeingut der ganzen Bevölkerung.
‚Ein guter Mann‘. Die Tausende von Kinder erzählen es uns, die in den von ihm errichteten Ausspeisungen ihren Hunger gestillt. Die Notleidenden sagen es uns, die in den von ihm gegründeten und geförderten charitativen und sozialen Einrichtungen Linderung ihres Loses erfuhren.
‚Sie haben einen … Mann begraben‘. Worin heute alle, ohne Unterschied der Partei und Nation in der Beurteilung Perathoners übereinstimmen, das ist dem Urteil: Perathoner war ein ganzer Mann. Ein Charakter. So wurzelfest und wetterhart wie die Tannen unserer Heimaterde. Ein Wort aus seinem Munde hat gegolten und konnte durch nichts umgedeutet und erschüttert werden. Ein Mann des offenen Bekenntnisses und der freimütigen Rede, nach unten und nach oben. So wie wir den alten Bürgermeister, bereits hoch in den 70er[n] stehend, ungebeugt daherschreiten sahen, so war er in seinem ganzen Wesen und Charakter – ein aufrechter Mann. Was ihn vom Gegner trennte, war[en] wahrhaftig nicht Trotz und Feindschaft; wir, die wir ihm nahegestanden, können es bezeugen, sondern die aus innerster Ueberzeugung geborene Charakterfestigkeit, die auch dem Gegner gerecht wurde. Er war ein Mann, und als solcher von seinen Freunden bewundert und geliebt und jenen, die seine Freunde nicht sein konnten, hochgeschätzt.
Er war ein Mann. Das wird auch das bleibende Bild sein, das sich von Perathoner am tiefsten in der Erinnerung der Nachwelt eingraben wird. Und heute trugen sie ihn zum Bozner Friedhof. […]“
Maria Pichler
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