Religionsunterricht in der Muttersprache

Hochwürden Johann Terleth, der von 1926 bis 1962 als Pfarrer in Villnöß wirkte mit seiner Schülerschar. © Bildungsausschuss Montan, Archiv Tiefenthaler

Geistlichkeit will lieber Religionsunterricht einstellen als auf Muttersprache verzichten
Das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und faschistischem Staat war von Beginn an spannungsreich, und nicht nur in Südtirol gerieten beide immer wieder aneinander. Hier ging es in erster Linie um die Schule und den deutschsprachigen Religionsunterricht, der ab 1926 auf Italienisch umgestellt werden sollte. Dagegen wehrten sich der Klerus der Diözese Brixen und die deutschsprachigen Geistlichen der Diözese Trient, zu der Gemeinden des Unterlandes und des Etschtals gehörten. Die Münchner Neueste Nachrichten berichteten dazu in ihrer Ausgabe vom 27. Oktober:
„Der Konflikt wegen Abschaffung des deutschen Religionsunterrichtes in Südtirol hat eine neuerliche Verschärfung erfahren. Bisher war er von der Bevölkerung als eine kirchliche Angelegenheit empfunden und behandelt worden. Daher hatten die deutschen Angehörigen der Diözese Trient auch trotz verschiedener Enttäuschungen in dieser Frage geglaubt, von ihrem geistlichen Oberhirten erwarten zu können, daß er kraft seines kirchlichen Amtes die Muttersprache in der religiösen Erziehung schützen würde. Hierzu berechtigte die Tatsache, daß er in österreichischer Zeit für seine italienischen Landsleute und Diözesanangehörigen in Welschtirol den uneingeschränkten Gebrauch der Muttersprache im Religionsunterricht erfolgreich gefordert hatte. […]
Der gesamte deutsche Klerus Südtirols hatte, um diese mit seinen Amtspflichten nicht zu vereinbarende Gefährdung seiner Erziehungs-Aufgabe zu hindern, dem Fürstbischof und den weltlichen Schulbehörden eine Erklärung übermittelt, worin von einer gemeinsam gefaßten Entschließung Kenntnis gegeben wurde: die deutsche Geistlichkeit Südtirols wolle lieber den Religionsunterricht in der Schule einstellen, als gegen Gewissen und Pflicht die Muttersprache in der religiösen Erziehung der Kinder preisgeben. […]“
Als Antwort auf diese Erklärung erhielten zahlreiche Unterzeichner ein Schreiben des Präfekten von Trient, das die Münchner Neueste Nachrichten in ihrem Artikel zitieren:
„Nach persönlicher Vereinbarung mit dem hochwürdigsten Fürstbischof von Trient hat Seine Exzellenz der Unterrichtsminister in entgegenkommender Weise zugestimmt, daß der Religionsunterricht an allen Orten der Provinz, die zum großen Teil von Fremdsprachigen bewohnt sind, in deutscher Sprache erteilt wird. Ausgenommen wurden einzig die Ortschaften mit ladinischer Umgangssprache und einige größere Orte der Provinz wie Bozen, Meran, Brixen, Bruneck, Sterzing, Kaltern und das gemischtsprachige Unterland, wo die bereits vollends durchgeführte Schulorganisation die vollständige Beherrschung der italienischen Sprache seitens der Schulkinder von der 3. Elementarklasse aufwärts sicherstellt. […] Ich hätte das Schriftstück ohne weiteres dem Staatsanwalt zur weiteren Amtshandlung und Verfolgung der Unterzeichner im Sinne der Artikel des Strafgesetzes überantworten sollen. […] In aller Form warne ich Euer Hochwürden.“
Die Zeitung schloss ihren Bericht mit dem Kommentar:
„Hiermit hat also in einer bisher rein kirchlichen Erziehungsfrage die weltliche Staatsautorität in brutaler Weise eingegriffen. Die deutschen Priester Südtirols haben nur für die deutschen Kinder dieselben Rechte verlangt, die den italienischen Kindern zu österreichischer Zeit voll zugebilligt waren. […]“
Der deutsche Religionsunterricht in Südtirol blieb erhalten, jedoch nicht mehr an der Schule, sondern im Rahmen des katechetischen Pfarrunterrichts.
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