„Eine englische Stimme über Südtirol“
Südtirol in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs

Scuole elementari“ und „scuola materna“ in Montan, © Bildungsausschuss Montan/Sammlung Tiefenthaler

Während in den deutschsprachigen Südtiroler Zeitungen im Jahr 1926 aufgrund der Einschränkungen der Pressefreiheit, der Zensur und der Beschlagnahmungen kaum mehr offene Kritik am Faschismus geäußert wurde, gewann die Berichterstattung außerhalb der Region an Bedeutung. So galt die Zeitschrift Südtiroler Heimat – Mitteilungen für die Freunde Südtirols des „Verbandes der Südtiroler in Österreich“ als ein Sprachrohr für die Südtiroler Anliegen. Am 15. Mai 1926 zitiert die in Innsbruck erscheinende Zeitschrift eine Richtigstellung, die in der amerikanischen Vierteljahrschrift Foreign Affairs erschienen sein soll, und gibt unter der Überschrift „Eine englische Stimme über Südtirol“ in emotional gefärbter Sprache wieder:
„‚[…] Mit Rücksicht auf meine Urlaubsreise im Frühsommer des letzten Jahres nach Südtirol bin ich in der Lage, die in Ihrem Februarhefte unter dem Titel ‚Faschismus in Südtirol‘ veröffentlichten Berichte über Südtirol zu widerlegen.
Es wurden dort nicht nur alle kulturellen und sozialen Einrichtungen vollkommen vernichtet, sondern auch das fortgeschrittene Tiroler Bildungswesen wurde durch das rückständige Italienische zu ersetzen versucht. An Stelle der deutschen Lehrkräfte waren Italienische getreten, selbst Religionsunterricht in deutscher Sprache ist gänzlich verboten. Die unverantwortliche Haltung der Faschisten ist eine ständige, nie versiegende Quelle für stets neue Aufregungen und Gewaltmaßnahmen. Während meines Aufenthaltes in Bozen wurde die Bahnhofbuchhandlung für eine Woche geschlossen, weil dort einige Postkarten mit dem alten Namen ‚Südtirol‘ zum Verkaufe auflagen. Selbst das Theater war gleichfalls vorübergehend aus keineswegs begründeten Ursachen geschlossen worden. Bei einer anderen Gelegenheit hatten die Faschisten die Aufschriften von Geschäftsläden entfernt, deren Gewerbe in ihren Augen scheinbar Anstoß erregte. Auch kirchliche und religiöse Feierlichkeiten sind keineswegs immer erlaubt. So wurde ein Requiem für die im Weltkriege gefallenen Tiroler Soldaten verboten. Eine Abordnung der Stadt, die gleichfalls während meines Aufenthaltes Rompilger auf der Durchreise begrüßen sollte, wurde verspottet und angegriffen.
Aber das ekelerregendste Bild von allen war ein Empfang von italienischen Invaliden, bei welchem Bozner Bürger gezwungen waren, die italienische Fahne zu hissen und deutsche Schulkinder in den Straßen, in welchen sich der Zug bewegte, zu Füßen jener Blumen streuen mußten, welche vielleicht ihre Brüder und Väter im Kampfe getötet haben.
Ich hoffe, dass die ‚Foreign Affairs‘ auch in Zukunft die traurigen Verhältnisse Südtirols würdigen und betonen werden und das wachsende Interesse der gesamten Welt an den Vorgängen in Südtirol der Qual eines stolzen kulturtragenden Volkes ein Ende bereiten wird.‘
Wenn dieser Aufsatz eines Engländers besondere Aufmerksamkeit verdient, so deswegen, weil man sonst im allgemeinen nicht gewohnt ist, von Angehörigen der englischen Nation Aeußerungen des Gefühls verzeichnen zu können. Wenn es aber beispielsweise dieser englische Mitarbeiter der ‚Foreign Affairs‘ schon als ekelerregendes Bild und eine Schmach für die deutsche Bevölkerung Südtirols empfand, daß diese anläßlich des Empfanges ihrer welschen Peiniger die italienische Trikolore hissen und Blumen streuen lassen mußte, um wieviel mehr würde er sich in der typisch englischen Vornehmheit entrüßten [!], wenn er wüßte, welche Demütigung und schmachvolle Erniedrigungen das Volks Südtirols seit dem Zeitpunkte seiner Südtiroler Reise bis heute über sich ergehen lassen mußte.“
Maria Pichler
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Generalsekretariat des EVTZ "Europaregion Tirol - Südtirol - Trentino"
Waaghaus - Laubengasse 19/A, I-39100 Bozen