Über die Bedeutung der Seidenraupenzucht im Trentino
Heute erinnern nur noch vereinzelte Maulbeerbäume und ehemalige Spinnereigebäude (Filande) an einen Wirtschaftszweig, der über Jahrhunderte das Leben im südlichen Tirol prägte: die Seidenraupenzucht. Die Anfänge der Seidenproduktion im heutigen Trentino lassen sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen, im 17. und im 18. Jahrhundert erlebte die Seidenindustrie hier ihre Blütezeit. Dies galt nicht nur für die Zucht der Raupen, sondern auch für die Verarbeitung der Rohseide in Spinnereien. In der Vallagarina war die Seidenindustrie besonders stark vertreten, mit Filatoi (Spinnrädern), kompletten Setifici (Seidenmanufakturen) und einem dichten Netz von Betrieben, die Garn, Zwirn und Gewebe produzierten. Rovereto wird bis heute in Erinnerung an diese Zeit als Seidenstadt bezeichnet.
Im 19. Jahrhundert erreichte die Seidenproduktion im Süden des Kronlandes ihren Höhepunkt, bevor Krankheiten bei den Raupen, ein verändertes Marktumfeld und zunehmende Konkurrenz aus Übersee den Niedergang der Seidenindustrie einleiteten. In den 1920er Jahren war die Seidenproduktion bereits stark rückläufig, wie der folgende Ausschnitt aus der Tageszeitung Il Nuovo Trentino vom 16. Februar 1926 zeigt:
„Der Preis der Kokons lag in der vergangenen Seidenraupensaison im Trentino bei etwa 31 Lire, ein sehr einträglicher Preis für die Seidenraupenzüchter […] Aufgrund der aktuellen Situation des Seidenmarktes glauben wir, sofern keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten, annehmen zu können, dass der Preis der Kokons in der kommenden Saison bei etwa 25 Lire pro Kilogramm liegen wird.
Daher können wir uns keinen Landwirt vorstellen, der nicht daran denkt, sämtliche verfügbare Maulbeerblätter zur Gewinnung der größtmöglichen Menge an Kokons zu nutzen. […]
Viele mussten aufgrund der widrigen Witterung der letzten Saison erhebliche Verluste bei der Kokonernte hinnehmen, verursacht durch verschiedene Krankheiten der Raupen […] Jeder weiß, dass die Erreger dieser Krankheiten nicht nur von einem Jahr zum nächsten überleben, sondern sich sogar vermehren. Daher sollte man umgehend an die Desinfektion der Zuchträume gehen und sämtliches gebrauchtes Lochpapier und die Einstreu verbrennen. […]“