Niemand ist mehr seines Namens sicher

Josef Noldin ist eine der Schlüsselfiguren der sogenannten Katakombenschulen in Südtirol © Franz Kosta, Salurn

Faschisten nehmen Josef Noldin, die sogenannten Katakombenschulen und die Familiennamen ins Visier
Josef Noldin aus Salurn zählt zu den Schlüsselfiguren der sogenannten Südtiroler Katakombenschulen: Als Rechtanwalt organisierte er nicht nur gemeinsam mit dem Bozner Kanonikus Michael Gamper den geheimen deutschsprachigen Unterricht, sondern verteidigte auch verhaftete Lehrkräfte vor Gericht. Wegen seiner Unterstützung der Geheimschulen wurde Noldin 1925 erstmals verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt, wie die Lienzer Nachrichten am 22. Jänner 1926 berichten:
„Der Noldin-Prozeß, der letzte Woche mit der Verurteilung des Salurner Rechtsanwaltes Dr. Noldin endete, erregt heute noch in und außer Südtirol die Gemüter. Bekanntlich wurde Dr. Noldin ohne anderen Anlaß, als daß er die Erteilung des deutschen Privatunterrichtes in Südtirol unterstützt hatte, verhaftet und nach Trient ins Gefängnis geworfen. 25 Tage mußte er im Kerker zubringen, bis man ihn vor Gericht stellte. Ohne daß der geringste Beweis dafür erbracht werden konnte, wurde er nun wegen Aufwiegelung gegen die italienischen Behörden und wegen Amtsehrenbeleidigung zu 500 Lire Geldstrafe und 5 Tagen Arrest verurteilt. Das Strafausmaß, das den faschistischen Hetzern selbstverständlich zu gering ist, zeigt, daß noch ein wenig Schamgefühl in den italienischen Richtern steckt; der Gerechtigkeit durch einen Freispruch Raum zu geben, das wagen die italienischen Gerichte leider noch nicht, sobald ein Faschist als Kläger auftritt.“
Im Jahr 1927 wurde Josef Noldin für fünf Jahre auf die Insel Lipari verbannt, wo er sich mit einem malariaähnlichen Fieber infizierte und in der Folge mit nur 41 Jahren im Dezember 1929 in Bozen verstarb.
Der Artikel aus den Lienzer Nachrichten macht in der Folge deutlich, dass Noldins Verfolgung und gerichtliche Verurteilung nur Teil einer umfassenderen faschistischen Politik war. So wird im selben Beitrag ein neues königliches Dekret zitiert, das die Italianisierung der Familiennamen in Südtirol vorsah:
„Familiennamen in der Provinz Trient, die lateinischen oder italienischen Ursprunges sind, die aber in fremde Sprachen übersetzt wurden, müssen in die italienische Sprache amtlich zurückübersetzt werden. Familiennamen, die im Laufe der Zeit eine fremdsprachige Endung oder fremde Orthographie erhalten haben, müssen italienisch bereinigt werden. Familiennamen, die sich von Ortsnamen herleiten, sowie Adelsprädikate müssen italienisiert [sic!] werden. Ursprünglich fremdsprachige Familiennamen können auf Antrag gleichfalls italienisiert werden. Zuwiderhandelnde werden mit 500 bis 5000 Lire Strafe belegt. Diese Verfügung kann eventuell auch auf andere Provinzen ausgedehnt werden.“
Die Lienzer Nachrichten kommentieren diese Verfügung kritisch:
„Bedeutet eine solche Verfügung schon einen ganz unglaublichen Eingriff in die persönlichen Rechte des Einzelnen und eine unglaubliche Demütigung, so wird die Sache noch ungeheurer, wenn man bedenkt[,] wie diese Verfügung zur Anwendung gebracht werden wird. Niemand ist in Südtirol nunmehr sicher, seinen alten ehrlichen Namen ungescheut tragen zu können. Dafür werden der Verwelschungskünstler Tolomei und die vielen faschistischen Analphabeten als die Herren Südtirols schon sorgen, daß jeder zweite Familienname als italienischen Ursprunges angesehen wird und italienisiert werden muß. Zuerst hat man die deutschen Ortsbezeichnungen verboten und durch italienische ersetzt, die Kinder dürfen nicht mehr deutsch reden und schreiben lernen, nun nimmt man der Bevölkerung noch ihre deutschen Familiennamen. Nächstens wird ein königliches Dekret verfügen, die Südtiroler Bevölkerung dürfe nur mehr Maccaroni und Polenta essen, damit die Italanisierung [sic!] Südtirols perfekt sei. […]“
Anmerkung am Rande: Ein Blick in Ettore Tolomeis Elenco dei cognomi dell’Alto Adige zeigt die systematische Umsetzung dieser Politik auf: Dort wird unter anderem der in Südtirol belegte Familienname „Hittler“ – unabhängig von späteren historischen Assoziationen – mit den italienischen Entsprechungen „Dalla Capanna“ bzw. „Casolari“ übersetzt.
Kontakt
Generalsekretariat des EVTZ "Europaregion Tirol - Südtirol - Trentino"
Waaghaus - Laubengasse 19/A, I-39100 Bozen