Knappheit und Preiserhöhungen in der Stromversorgung von Lienz
Wann genau in Osttirol die erste Glühbirne zum Leuchten gebracht wurde, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. 1907 ging in Kals vermutlich das erste Elektrizitätswerk im Bezirk Lienz in Betrieb, 1909 errichtete die Stadt Lienz ein Elektrizitätswerk, das die Wasserkraft des Debantbachs ausnutzte. Dabei ging es zunächst vor allem darum, schwere körperliche Arbeit mithilfe elektrischer Motoren zu erleichtern. Strom war jedoch vor allem in den Anfangsjahren nicht selbstverständlich: So hat das Elektrizitätswerk Lienz im Winter manchmal untertags sein Kraftwerk vom Netz nehmen müssen, um genügend Wasser für die Abendbeleuchtung zu sammeln, oder die Abnehmer drehten zwischenzeitlich den Strom ab, um Geld zu sparen.
Wie konfliktträchtig die Stromversorgung damals war, zeigt ein Bericht über „Elektrisches“ in Lienz aus dem Alpenländer Boten vom 31. Jänner 1926:
„Ausgerechnet zur selben Zeit, wo das Elektrizitätswerk Lienz infolge eines Streikes des Debantbaches ein miserables Licht liefern konnte, war in der Zeitung zu lesen, daß das besagte Werk eine Preiserhöhung von 100 Prozent anstrebt. Die Gemeinden, die nun einmal von diesem Werke abhängig sind, werden, wie man hört, diesmal nicht bloß schimpfen, sondern dazu Stellung nehmen wie es vom Haus und Grundbesitzerverein in Lienz bereits geschehen ist in der Versammlung vom 18. Jänner. Zu beglückwünschen sind die Gemeinden Nikolsdorf und Lavant, die sich selber ein Elektrizitätswerk erstellt und ihre Unabhängigkeit gewahrt haben. Ueberdies bezahlt in Lavant, eine elektrisch betriebene Säge ausgenommen, bis heute niemand auch nur einen Groschen für den Strombezug, von der kostenlosen Installierung von seiten der Gemeinde in allen Häusern gar nicht zu reden. Auch wird man dort nicht in preußischem Tone ‚aufgefordert‘, mit dem Lichte zu sparen, obwohl der Strom gratis geliefert wird, wenigstens bis heute, sondern freundlich ersucht im Notfalle. Natürlich verlangt niemand einen Gratisstrom in Lienz; aber eine Verbilligung des Stromes hat man den Konsumenten in Aussicht gestellt gelegentlich des Kaufes des Rangerdorfer Werkes; und jetzt will man 100 Prozent mehr!! Man will auch Zähler einführen (wer zahlt diese?), weil man sagt, es wird Strom gestohlen. Aber jetzt, nach Ausschaltung der elektrischen Oefen und Kochplatten, laut Kundmachung, und einigen anderen Strombeschränkungen wird erst recht gestohlen (‚Verbilligung‘), sonst müßte das Licht jetzt bedeutend besser sein als es ist.“
Die vielen kleinen Osttiroler Elektrizitätswerke konnten den wachsenden Bedarf an Strom in den darauffolgenden Jahren nur unzureichend decken. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Übernahme des Kraftwerks Lienz durch die 1924 gegründete Tiroler Wasserkraftwerke AG und der Ausbau des Debantkraftwerks eine nachhaltige Verbesserung und eine verlässliche Stromversorgung für Osttirol.