Online-Tagebuch Euregio Akademie 2019

Euregio Akademie – gemeinsame Wurzeln, Herausforderungen und Zukunft

Das gemeinsame Büro der Europaregion begleitet die Euregio-Akademie mit einem Online-Tagebuch.

Redaktion: Silvia Ramoser MSc.

Fotos: Fondazione Trentina Alcide De Gasperi / EVTZ Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino

Anmeldungen sind noch jederzeit möglich unter www.europaregion.info/academy

2. Etappe:
26.- 27. April 2019
Kloster Neustift: Europäische Gesellschaft und Zukunft


Neustift Collage


Samstag, 27. April 2019

Frisch und munter trafen die Euregio-Akademie Teilnehmenden am Morgen entweder mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Fahrtgemeinschaften im Bildungshaus Kloster Neustift ein. Auch am zweiten Tag der Euregio-Akademie standen interessante Vorträge mit hochkarätigen Persönlichkeiten auf dem Programm und so leitete Paolo Zanenga von der DIOTIMA SOCIETY sogleich in die zwei keynotes, die unter dem Thema „Europäische Gesellschaft – fit für die Zukunft“ standen, ein.

Katharina Moser, Gründerin von MOSAIK Designing European Experiences, stellte zu Beginn ihrer Präsentation die Frage „Warum Europa?“. In der Welt gebe es große Probleme wie Migrationsbewegungen, Globalisierung, Klimawandel und soziale Ungleichheit, die uns alle betreffen. Rational wäre es sinnvoll, wenn wir diese Probleme in Europa zusammen angehen und zusammenhalten. Doch laut Moser denken die Menschen nicht rational. Sie sind emotional! Emotionen sind die größte Triebkraft und deshalb sei es so wichtig, dass die Europäische Union emotional erlebbar und spürbar gemacht wird. Ein EU-Gefühl bekommen Menschen hauptsächlich durch Begegnungen und persönliche Erlebnisse. Oft verstehen EU-BürgerInnen erst wenn sie die EU bereisen und mit Menschen aus anderen Mitgliedsstaaten in Kontakt treten, was Europa alles kann. Im Austausch wird deutlich, wie unterschiedlich wir sind, was gleichzeitig als Chance gesehen werden soll, voneinander zu lernen. Durch Projekte wie Free Interrail oder Routes – Europareise mitten in Wien wird die Europäische Union erlebbar. Genau solche Erfahrungen machen einen zu einem vielfältigeren und zu einem europäischen Menschen, schloss Moser ab. Doch man müsse sich darauf einlassen und sich bewusst dafür entscheiden. Nur so kann es eine gefühlte europäische Identität geben.

Paolo Chiocchetti von der Universität Luxemburg beleuchtete in der zweiten keynote das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Wettbewerb und Solidarität, in dem sich die Europäische Gesellschaft befindet. Chiocchetti sprach vom europäischen „Kompromiss“, wonach neben dem Wettbewerb das Sozialmodell fundamental für das europäische Verständnis ist. Die EU verfogt seit jeher das Ziel der sozialen Annäherung zwischen den Mitgliedsstaaten. Solidarität ist Teil der DNA der Europäischen Union, so Chiocchetti. Das Problem sei aber, dass sich die frühe Wirtschaftspolitik eindeutig über das Soziale gestellt hat, sodass die EU Politik wirtschaftliche Belange den sozialen vorzieht. Um dem Teufelskreis zwischen Wettbewerb und Solidarität zu entgehen, sollte deren richtiger Ausgleich jeweils eruiert werden, betonte Chiocchetti.

Bei diesen interessanten keynotes verging die Zeit wie im Flug, sodass nicht mehr all zu viel Zeit für die anschließende Diskussion blieb. Die Kaffepause sollte nämlich nicht zu kurz kommen. In der Zwischenzeit waren Franz Fischler, Präsident des Europäischen Forums Alpbach und Arnold Schuler, Landeshauptmannstellvertreter, im Bildungshaus eingetroffen, um am „Runden Tisch“ zusammen mit Giuseppe Zorzi, Historiker und Pädagoge, Eva Lichtenberger und den beiden Keynote-speakern Moser und Chiocchetti zu diskutieren. Als Moderator dieser Diskussionsrunde resümierte Matthias Fink zu Beginn über die Ergebnisse und Erkenntnisse der bisherigen Präsentationen. Fischler stellte anfangs klar, dass keine der zentralen Zukunftsfragen auf nationaler Ebene lösbar sind und wir daher die Europäische Union brauchen. Dabei leugnete er nicht, dass es Fehler in jedem großen EU Projekt gibt. Laut dem Präsidenten des Europäischen Forums Alpbach braucht es Änderungen innerhalb der EU, damit das System funktioniert. Politik reagiert auf Druck, sagt Fischler und appelierte an die jungen Anwesenden, sich aktiv einzusetzen – auch bei der EU Wahl im Mai. Es ist die junge Generation, die sich zu den zentarlen Zukunftsfragen positionieren muss, betont Fischler: „Ihr seid diejenigen, von denen ich Antworten will!“

Runder Tisch

Für Arnold Schuler stellt EU Heimat dar, wie er sagte. Den  Entwicklungen außerhalb Europas könne man nur dann begegnen, wenn innerhalb an einem Strang gezogen wird. Es brauche auf europäischer Ebene mehr Persönlichkeiten, die die positiven Aspekte der EU emotional besetzen, so Schuler. Am Ende äußerte Schuler den gewagten Wunsch eines europäischen Fußballteams, das bei den Olympischen Spielen als Einheit antritt. Anknüpfend an die Präsentation von Frau Moser am Morgen griff die Diskussionsrunde die Wichtigkeit von Emotionen auf. Auch Zorzi unterstrich, dass es klare Worte und Begriffe brauche, um Emotionen zu erzeugen. Es soll Konkretes mitgeteilt, gleichzeitig aber auch eine Vision vermittelt werden. Die Vision einer sozialen Union sei wichitg, dass sich die Bevölkerung ernst genommen fühlt, so Chiocchetti. Es gebe bereits einen Ansatz, in dem die Verluste der sogenannten Globalisierungsverlierer kompensiert werden. Dieser Ansatz ist laut Chiocchetti jedoch noch wenig erfolgreich. Dass die Idee der EU alle Bevölkerungsteile durchdringen muss, forderte auch Georg Grote in seinem Statement. Die EU müsse auch an bildungsferne Schichten herangetragen werden. Es ist wichtig, dass die Politik der EU bei den Bürgern ankommt, wie im Falle der Abschaffung der Roaming-Gebühren.
Lichtenberger fragte die Euregio-Akademie Teilnehmenden abschließend, wie sie mit den Ängsten, mit denen die Populisten spielen, umgehen. Empathie lautete die Antwort. Außerdem müsse die EU den jungen Menschen das Gefühl zurück geben, wirklich etwas verändern zu können. Fischler fordete die Euregio-Akademie Teilnehmenden in seinem Schlusswort auf, selbst aktiv zu werden, um diese Veränderung zu verwirklichen.

Anhand dieser regen Diskussion konnte man sehen, wie aktuell das Thema „Herausfordrungen für die europäische Gesellschaft“ ist und wie sehr es die jungen Menschen beschäftigt. Auch beim anschließenden Mittagessen wurde noch weiter darüber diskutiert.

An diesem schönen Apriltag war es kein Leichtes, die Euregio-Akademie Teilnehmenden nach der Mittagspause wieder im Augustinisaal zu vereinen. Daher leitete Markus Warasin vom Kabinett des Präsidenten des Europäischen Parlaments nur kurz mit einem Video ein und verlagerte anschließend  seinen Vortrag zur Europawahl ins Freie. In fünf Station sprach Warasin über die Praxis im Europäischen Parlament, über die Europawahl sowie die Wahlkampagne „Diesmal wähle ich“, die von ihm mit konzipiert wurde. Die Euregio-Akademie Teilnehmenden hörten den Erzählungen von Herrn Warasin begeistert zu, die das ein oder andere schillernde Detail enthielten.

Walk and Talk Warasin

Mit dem Ende des Rundgangs durch das Gelände des Kloster Neustifts ging auch die zweite Etappe der Euregio-Akademie zu Ende. Hinter den Teilnehmenden lagen zwei intensive, aber spannende Tage, bei denen der Spaß nicht zu kurz kam. Nun hieß es wieder Abschied nehmen, bevor sich die Euregio-Akademie Teilnehmenden von allen Euregio-Regionen kommend im August beim Europäischen Forum in Alpbach für die dritte und letzte Etappe der Euregio-Akademie zusammenfinden.


Freitag, 26. April 2019

Schnell sind die vier Wochen seit dem ersten Euregio-Akademie Wochenende vergangen und so fanden sich die Euregio-Akademie Teilnehmenden in den ehrwürdigen Gemäuern des Bildungshauses Kloster Neustift bei Brixen wieder zusammen, um in der zweiten Etappe mit hochkarätigen Referenten über die europäische Gesellschaft und ihren zukünftigen Herausforderungen zu diskutieren. Die zweite Ausgabe der Euregio-Akademie wurde gleichzeitig als Euregio-Atelier veranstaltet, welches sich als interdisziplinäres Philosophicum versteht.

Euregio Atelier

Im repräsentativen Augustinisaal begrüßte Günther Rautz, der wissenschaftliche Leiter des Euregio-Ateliers und Vorstand des Instituts für Minderheitenrecht an der Eurac Research, alle Teilnehmenden, die er in Hinblick auf den Themenschwerpunkt der zwei Tage „Herausforderungen der europäischen Gesellschaft“ dazu aufforderte, an der EU-Wahl teilzunehmen, um die Zukunft der EU aktiv mitzugestalten. Daraufhin übergab er das Wort an Christoph von Ach, dem Generalsekretär der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Auch Von Ach hieß alle Anwesenden willkommen und wünschte den Teilnehmenden lehrreiche und interessante zwei Tage. Es sei wichtig, der Jugend einen Raum zu geben, um über Europa nachzudenken, so von Ach. Sogleich leitete Georg Grote vom Institut für Minderheitenrecht an der Eurac Research zu den ersten beiden Keynotes über, die im Zeichen „Challenges for Europe“ standen.

Professor Sonja Puntscher-Riekmann vom Salzburg Centre of European Union Studies zeichnete zunächst die Geschichte der Europäischen Union samt Aufbruch und Rückschlägen, wie sie betont, nach. Bereits nach den napoleonischen Kriegen gab es Versuche einer Gleichgewichtsordnung in Europa, was aber mehr ein Balancesystem als eine wirkliche Einigung war, so Puntscher-Riekmann. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Europa einen „Schub an Klugheit“, der von Menschen wie Monnet, Schuman, Adenauer und De Gasperi ausging, die sich Gedanken über die Nachkriegsordnung machten. In der Folge wies Professor Puntscher-Riekmann auf die Fortschritte und Rückschritte der Europäischen Union hin: vom Schuman-Plan über die Politik des leeren Stuhls und dem Luxemburger Kompromiss bis hin zu den EU-Erweiterungen. Denn im Hinblick auf die heutige Politik der EU müsse die Vergangenheit stets mitgedacht werden. Angesichts der Geschichte und den Herausforderungen der EU forderte Professor Puntscher-Riekmann eine Fokussierung auf die Außen- und Sicherheitspolitik, die vor allem von den großen Mitgliedsstaaten vorangetrieben werden muss. Den Brexit sieht Puntscher-Riekmann als neuen Anfang und schließt somit ihren Vortrag über die Europäische Einigung mit einem positiven Blick in die Zukunft ab.

Als zweiter Keynote Speaker trat Tadhg O’Hannrachain vom University College Dublin an das Rednerpult. O’Hannrachain nennt zu Beginn die zwei größten Herausforderungen, vor denen die Welt seiner Meinung nach steht: globale Erwärmung und begrenzte Ressourcen. Diese beiden Probleme werden auch die Europäische Union enorm herausfordern. Laut O’Hannrachain können diese Herausforderungen am besten demokratisch von politischen Institutionen auf nationaler sowie supranationaler Ebene angegangen werden. Doch laut Freedom House ist die Akzeptanz für Demokratie als die führende Regierungsform in der Welt stärker gefährdet als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten 25 Jahren. Entwicklungen in den letzten Jahren wie die sich häufenden rassistischen Äußerungen, offene Aggressionen und der stärker werdende Populismus seien sehr bedenklich, betonte O’Hannrachain. Das Problem dabei sei, dass Menschen vergessen. Sie vergessen was Krieg bedeutet und wie fragil Demokratie letztendlich ist. Ungleichheit stellt dabei eine tödliche Bedrohung für das Funktionieren einer Demokratie dar. Die soziale Ungleichheit in England spielte laut dem Professor auch bei dem Brexit-Referendum eine zentrale Rolle. Abschließend unterstrich O’Hannrachain, dass wir unsere Demokratien stärken, schützen und erweitern müssen, um die künftigen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Bei der anregenden Diskussion nach diesen beiden interessanten keynotes wurde die Frage gestellt, ob das institutionelle Gefüge der EU zukunftsfähig ist. Puntscher-Riekmann antwortete darauf, dass die EU historisch gewachsen ist und es daher aus ihrer Sicht nur Reformen geben kann und keine Zerschlagung derselben. Reformen seien aber dringend notwendig. Vor allem die Regionen und Gemeinden sollten laut Puntscher-Riekmann mehr Macht erhalten. Außerdem wurde betont, dass die EU unbedingt mehr Ressourcen benötigt. Die Bürger und Bürgerinnen haben viele Erwartungen an die EU, die sie aber mit ihren limitierten Ressourcen und Kompetenzen nicht erfüllen kann.

Fragen und Anmerkungen von Seiten der Euregio-Akademie Teilnehmenden hätte es noch viele gegeben, doch es war bereits Zeit für das Mittagessen. Am Nachmittag standen vier Kurzpräsentationen von Mattia Frizzera, Marc Röggla, Rainer Weissengruber und Melanie Plangger zum Thema „Europa neu bauen“ auf dem Programm. Eva Lichtenberger verwies in ihrer Einleitung auf den Titel „Europa neu bauen“, der impliziert, dass es mit der „Gemütlichkeit zu Ende sei“. Nun ist es an der Zeit, so Lichtenberger, dass wir uns Gedanken machen, wie wir mit den gegenwärtigen Problemen umgehen und wie wir sie vor allem angehen wollen. In Workshops vertieften die Euregio-Akademie Teilnehmenden zusammen mit den vier Experten deren Vortragsthemen und diskutierten darüber. Wieder zusammen im Plenum wurden die Ergebnisse der Diskussionsrunden vorgestellt. Die erste Kleingruppe mit Mattia Frizzera stellte fest, dass manche politischen Parteien neue Medien mehr nutzen als andere und sich das auch in den Umfragewerten niederschlägt. Informationen können leicht über social media verbreitet und einer großen Masse zugänglich gemacht werden. Hier stellt sich die Frage, inwieweit der Staat diesen Informationsfluss regulieren soll beziehungsweise darf. Marc Röggla referierte in seinem einleitenden Vortrag über den Südtiroler Autonomiekonvent, der als partizipativer Prozess im Jahr 2016 vom Südtiroler Landtag initiiert wurde. In der anschließenden Diskussion wurde mehr über das Narrativ der Europäischen Union diskutiert. Laut der Gruppe baucht die EU neue attraktive Themen, mit denen sie die jungen Menschen erreicht. Vor allem soll die EU die Menschen mit Projekten wie Interrail oder Erasmus+ näher zusammenbringen. Die Vielfalt innerhalb der Europäischen Union soll als Chance gesehen werden, voneinander im sogenannten best practice sharing zu lernen. Um das kulturelle Erbe ging es in der dritten Gruppe von Rainer Weissengruber. Zunächst wurde der Begriff Kultur als sehr weiter Begriff definiert, der sowohl Sprache, Literatur, aber auch Architektur umfasst. Mehrsprachigkeit soll laut der Kleingruppe gefördert werden, da Sprachkenntnisse einen absoluten Mehrwert bilden. Von Seiten der Schulen ist sehr wenig Sensibilität für europäische Belange zu verspüren, kritisierte die Gruppe. Melanie Plangger informierte in ihrem Vortrag über die Europäische Strategie für den Alpenraum (EUSALP). Im Gespräch mit der Gruppe wurde klar, dass die EUSALP in der Bevölkerung relativ unbekannt ist und sie vor allem auf Expertenebene agiert. Um sich für die EUSALP zu engagieren, müssen eine Notwendigkeit der Kooperation und ein persönlicher Bezug gegeben sein. Als Bezugspunkt werden die gemeinsamen Probleme und die gemeinsame Geografie genannt. Legitimität erhält die Strategie laut der Diskussionsgruppe durch das positive Output.

Kleingruppen Diskussion

Mit diesen Ergebnissen wurde das offizielle Programm des ersten Tages der Euregio-Akademie abgeschlossen. Nach dem leckeren Abendessen fanden sich die Teilnehmenden nochmals im Augustinisaal zusammen, wo der Kurzfilm „Challenges for the EU before and after the EP election in 2019“ gezeigt wurde. Der Film diente als lockerer Einstieg in die Thematik rund um die Europawahl des darauffolgenden Tages. Nun war es aber wirklich Zeit, den intensiven ersten Tag der Euregio-Akademie in geselliger Runde ausklingen zu lassen - und wo könnte man das besser als in der Wolkenstein-Lounge? Für Getränke war gesorgt und so saßen die Euregio-Akademie Teilnehmenden mit den Referenten gemütlich zusammen. Später am Abend fuhren die Jugendlichen dann zur Unterkunft in das Zentrum von Brixen, wo sie auch noch das Nachtleben der Stadt erkundeten.

1. Etappe:
29. – 31. März 2019
Pieve Tesino: Geschichte, Politik und Recht
>> Programm

Sonntag, 31. März 2019

Die Zeitumstellung forderte ihren Tribut. Nicht alle Teilnehmenden fanden an diesem Morgen ausreichend Zeit zum Frühstücken, denn sogleich begann Giancarlo Orsingher, Koordinator von Europe Direct Trentino, über die Europäische Union, ihre Funktionsweise sowie die Auswirkungen, welche sie auf unser tägliches Leben hat, zu sprechen. Wie relevant die EU für uns wirklich ist, wird deutlich, wenn man bemerkt, dass schätzungsweise rund 70 Prozent der staatlichen Gesetze von der EU übernommen und/oder zumindest beeinflusst sind. Daher rief Orsingher die jungen Erwachsenen dazu auf, an der EU-Wahl am 26. Mai teilzunehmen und ihre Stimme abzugeben.

Das Wetter war viel zu schön um nur im Inneren der Universität zu bleiben. Daher entschloss Matthias Fink kurzerhand seine Präsentation “Der EVTZ Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino: Funktion, Kompetenzen, Ausblick“ ins Freie zu verlegen. Bei einem Spaziergang durch das Dorf erklärte Fink in drei Stationen wie es zur Gründung der Euregio gekommen ist, welche Projekte es gibt und wie diese umgesetzt werden und schließlich die Funktionsweise des EVTZ. Fink betonte, dass die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino von den BürgerInnen gespürt aber auch aktiv gelebt werden soll. Solche Projekte wie die Euregio-Akademie sind laut Fink zentral, denn dadurch kommen Menschen aus der gesamten Europaregion zusammen, sie bekommen ein Bewusstsein was grenzüberschreitende Zusammenarbeit bedeutet und können dann ihre Erfahrungen und Erlebnisse nach außen tragen.

Walk and Talk

Bewegung macht hungrig und so stärkten sich die Teilnehmenden beim Mittagessen bevor sie in Diskussionsgruppen zusammen mit Teilnehmern der ersten Auflagen der Euregio-Akademie arbeiteten. Ziel war es, unter Anleitung der drei Absolventen der Euregio-Akademie Giulia Giuliani, Luca Marconcini und Maria Tischler Vorschläge für die Entwicklung einer noch stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften zu formulieren. In kleiner Runde entstanden so bereits nach kurzer Zeit kreative Ideen zu Projekten, welche die Europaregion umsetzen kann. Im Plenum präsentierten die Teilnehmenden ihre Vorschläge. Für die erste Gruppe ist es wichtig, dass die BürgerInnen der Europaregion ihre gemeinsame Geschichte und Kultur kennen. Um die Europaregion schon früh zu entdecken, schlug die Gruppe daher vor, in der Oberschule bzw. Oberstufe ein verpflichtendes Praktikum innerhalb der Euregio einzuführen. Ein weiterer Punkt waren die gemeinsamen öffentlichen Verkehrsmittel und die bessere Koordinierung beim grenzüberschreitenden Ticketverkauf. Die Gruppe ist für die Einführung eines gemeinsamen Euregio-Tickets. Wie an diesem Wochenende deutlich wurde, kommen Menschen über das Essen zusammen. Dies nahm die Gruppe zum Anlass, sich ein Projekt zu überlegen, wo gemeinsam mit lokalen Spezialitäten und Qualitätsmarken gekocht und anschließend zusammen gegessen sowie Wein getrunken wird. Solche Euregio-Kochevents sollen in allen drei Regionen veranstaltet werden. Weiters kann sich die Gruppe einen grenzüberschreitenden Master für Studenten vorstellen. Die drei Universitäten Innsbruck, Bozen, Trient sollen sich beginnend mit einem Institut bzw. Sektor nach dem Vorbild von ‘Eucor - The European Campus‘ zusammenschließen und die Zusammenarbeit stetig ausbauen.

Pieve Tesino Kleingruppe

Die zweite Gruppe stellte den kulturellen Aspekt der Europaregion in den Mittelpunkt. Sie dachte daher ein Kulturfest an, wo Musikkapellen und andere Vereine aus allen Landesteilen Tirols vertreten sind mit Informationen zur Europaregion in allen drei Sprachen: Deutsch, Italienisch, Ladinisch. Weil Sprachen so wichtig sind und diese im Kindesalter viel leichter spielerisch erlernt werden können, schlug die Gruppe einen Euregio-Kindergarten mit zwei- bzw. dreisprachigen KindergärtnerInnen vor. Auch außerhalb der Schule soll es Angebote – inklusive für Erwachsene – geben, die Sprachen zu erlernen. Gleich wie die erste Gruppe, ist auch diese Gruppe für die Einführung eines Euregio-Tickets. Fink informierte, dass ein Euregio-Ticket bereits auf der Agenda steht, die Umsetzung sich allerdings als herausfordernd erweist.

Das Thema der Sprachkompetenz wurde auch in der dritten Gruppe behandelt. Die Gruppenmitglieder wiesen darauf hin, dass viele Menschen aufgrund der fehlenden Kenntnisse der deutschen oder italienischen Sprache von vornhinein von Euregio-Projekten ausgeschlossen werden bzw. sie sich deshalb nicht trauen, daran teilzunehmen. Daher schlug die Gruppe vor, bei Euregio-Events Material in Form von Handouts oder Kurzinformationen zweisprachig vorzubereiten, sodass alle TeilnehmerInnen den Präsentationen folgen können. Wenn solche Art von Übersetzungsarbeit gewährleistet wird, werden mehr Leute an Euregio-Events teilnehmen, ist die Gruppe überzeugt. Außerdem soll die Europaregion ihre Funktion als Partnervermittlung ausbauen. Gemeint ist damit, dass die Euregio Vereine und andere Verbunde zusammenbringt und sie bei der Kooperation mit Knowhow unterstützt. Abschließend unterstrich die Gruppe, dass die Europaregion in eigener Sache aktiver werden soll. Um die Bekanntheit der Euregio zu steigern, soll das Euregio-Büro das eigene Marketing intensivieren und erfolgreiche Projekte besser kommunizieren.

Matthias Fink war begeistert von den Vorschlägen und bedankte sich bei den Jugendlichen für ihre rege Teilnahme an den Diskussionen an diesem ersten Wochenende der Euregio-Akademie 2019. Marco Odorizzi, Direktor der Trentiner Stiftung Alcide De Gasperi, schloss sich dem Lob an, verbunden mit der Hoffnung, auch bei der nächsten Euregio-Akademie 2021 die Trentiner Etappe in Pieve Tesiono zu beherbergen.

Der Abschied dauert aber nicht lange, denn schon in vier Wochen findet die zweite Etappe der Euregio-Akademie 2019 im Kloster Neustift bei Brixen statt. Und überhaupt hat sich die Gruppe bereits dank moderner Kommunikation vernetzt, sodass es sicher nicht so lange dauert, bis sich die einen oder anderen in privater Runde treffen.

Fortsetzung folgt…und Anmeldungen sind noch jederzeit möglich unter www.europaregion.info/academy

Samstag, 30. März 2019

Der erste Arbeitstag startete mit der Begrüßung von Matthias Fink, worauf als Einstieg in den Themenbereich Geschichte die Dokumentation “Global Warning“ von Ernst Gossner gezeigt wurde. Gossner beschäftigt die Frage, warum und nach welchen Mustern Menschen immer wieder Krieg gegeneinander führen und wie diese legitimiert werden. Als Beispiel nimmt er den Alpenkrieg zwischen Österreich-Ungarn und Italien während des Ersten Weltkrieges, wobei er eine Brücke zu aktuellen Kriegsereignissen schlägt. Die Teilnehmenden unterstrichen in der anschließenden Diskussion, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte zu kennen und sich diese immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Denn für die jungen Generationen ist Krieg nicht greifbar. Krieg ist etwas Entferntes, das man dank dem Friedensprojekt Europäische Union nur aus den Nachrichten kennt. Doch dadurch, dass die Erinnerungen an die Schrecken der Weltkriege mit den noch wenigen lebenden Menschen, die sie selbst miterlebt haben, allmählich aussterben, besteht die Gefahr, den Krieg und seine Auswirkungen zu relativieren.

Um die Geschichte des historischen Tirols – der heutigen Europaregion – ging es nach der Kaffeepause. Unter dem Schwerpunkt „Von Tirol zur Euregio: Eine Geschichte der Minderheiten“ referierten Prof. Giuseppe Ferrandi, Direktor der Stiftung Historisches Museum des Trentino, die Geschichte aus Trentiner Sicht (1867-1918) und der emeritierte Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger von der Universität Innsbruck die Geschichte aus Tiroler und Südtiroler Sicht (1918-1972). Ferrandi zeigte die Situation der Trentiner Bevölkerung als italienischsprachige Minderheit in der k. u. k. Monarchie auf und damit verbunden die Problematik rund um die identitätsstiftende Sprache und Kultur und die vergebenen Bemühungen um eine Autonomie des Trentino im damaligen Kronland Tirol. Steininger schilderte den schwierigen Prozess der Südtirol Autonomie beginnend mit der Kundgebung auf Schloss Sigmundskron 1957 über die Internationalisierung vor der UNO, die Eskalation der Gewalt und die Paketverhandlungen bis zur Streitbeilegung zwischen Italien und Österreich im Jahre 1992.

Anknüpfend an den ersten Abschnitt wurde nach der Mittagspause die Komplexität der Geschichte anhand einzelner konkreter Beispiele aufgezeigt. Steininger nahm die Person Kanonikus Michael Gamper, der laut ihm neben Silvius Magnago und Toni Ebner Sen. zu den “drei großen Südtirolern“ zählt, als Ausgangspunkt, um die Geschichte Südtirols von der Zeit der Italianisierung durch die Faschisten bis hin zum Ersten Autonomiestatut 1946 zu reflektieren. Bei der Zeit der Option spannte Steininger den Bogen von den Erwartungen der Südtiroler über die Rolle der Kirche bis hin zu den politischen Verhandlungen zwischen den Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini.

Der Fürstbischof Celestino Endrici war eine weitere bedeutende Persönlichkeit, die sich ab 1904 besonders für das katholische Vereinswesen, die soziale Frage und die Presse engagierte. Odorizzi erklärte, wie der letzte Fürstbischof von Trient in der Zeit des Faschismus mit dem Gegensatz zwischen religiöser und nationaler Idee haderte und sich in erster Linie als Katholik verstand, weshalb er sich dafür einsetzte, Priester auszubilden, die der Sprache der Gläubigen mächtig waren. Folglich trug Endrici dazu bei, dass die deutsche Sprache in den deutschsprachigen Teilen seiner Diözese Anwendung fand.

Patrizia Marchesoni, Vizedirektorin der Stiftung Historisches Museum des Trentino, gab einen Einblick in das Leben der Marchesa Gemma de Gresti Guerrieri Gonzaga. Gemma Guerrieri Gonzaga, geborene de Gresti, war eine Adlige, die sich im Ersten Weltkrieg dafür einsetzte, österreichische Soldaten italienischer Sprache, die in russische Gefangenschaft gerieten, in Kontakt mit ihren Familien zu bringen und sie später nach Italien zurückzubringen. Ihr soziales Engagement war sehr ausgeprägt; in Folge dessen arbeitete sie auch mit dem Roten Kreuz zusammen. Durch die Vorstellung dieser drei Persönlichkeiten wurde die Geschichte des historischen Tirols aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, wodurch die Teilnehmenden einen umfangreichen Blick darauf bekamen.

Euregio Akademie Teilnhemer

Nun kam die Kaffeepause gerade recht. Viel Zeit blieb den jungen Erwachsenen aber nicht, denn nach dem obligatorischen Gruppenfoto, stand sogleich der nächste Themenblock auf dem Programm: „Warum Europaregion? - Persönlichkeiten im Gespräch“. Landeshauptmannstellvertreter Mario Tonina unterstrich in seinen Grußworten die Wichtigkeit der Zusammenarbeit und lud die Teilnehmenden ein, sich - über die Euregio-Akademie hinaus - aktiv in die Europaregion einzubringen. Anschließend diskutierten Paola Borz (TSM-Trento School of Management), Cristina Maymone (Universität Trient) und Annapaola Rizzoli (Fondazione Edmund Mach) mit Boglarka Fenyvesi-Kiss vom Euregio-Büro über Erfolgsfaktoren für grenzüberschreitende Projekte. Vorgestellt wurden unter anderem Projekte wie der Euregio-Master, Fit4Cooperation sowie die Zusammenarbeit der drei Universitäten Trento, Bozen und Innsbruck in der Forschung. Alle Referenten bemerkten, dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit viel Koordination, Kommunikation und auch mit Herausforderungen verbunden sei, zusammen entstehe aber etwas Innovatives und Dynamisches, das einen großen Mehrwert für alle Beteiligte mit sich bringt. Nicht zuletzt begegnet man interessanten Menschen und es werden sogar enge Freundschaften geknüpft.

Nach diesem doch intensiven Programm begann am Abend der gemütliche Teil mit einem leckeren Abendessen. Doch die Stimmung kippte, als Marco Odorizzi etwas „Schreckliches“ verriet: Es gab einen Mord im Museum! Als junger Direktor kann er sich keinen Skandal leisten – schon gar nicht in so einem kleinen Dorf wie Pieve Tesino. Daher bat er die Gruppe ins "Museo per Via", um den Mordfall so schnell als möglich aufzuklären. Die Teilnehmenden bildeten kleinere Gruppen um in lustigen Befragungen der Mitarbeiter den “Mordfall“ aufzuklären. Natürlich stand jeder im Verdacht den armen Sandro ermordet zu haben, auch der Direktor selbst. So richtige Sherlock Holmes waren unter den Teilnehmenden ja nicht dabei... Erst mit etwas Hilfe und versammelten Kräften konnte die gesamte Gruppe Deborah als Mörderin entlarven. Nach diesem Schock und weil von dem Wein vom Vorabend noch was übrig geblieben ist, saßen alle noch länger gemütlich zusammen. Für passende Musik war auch diesmal gesorgt.

Freitag, 29. März 2019

Pieve Tesino, eine kleine Ortschaft östlich von Trient im Tesinotal zählt wohl kaum zu den touristischen Hotspots. Dennoch machten sich Interessierte aus der gesamten Europaregion dorthin auf, um sich am Geburtsort von Alcide de Gasperi ein Wochenende lag im Rahmen der Euregio-Akademie 2019 mit den Themen Geschichte, Politik und Recht auseinanderzusetzen.

Euregio Akademie Pieve Tesino 2

Dort angekommen wurden die Teilnehmenden am Zentrum für Alpinforschung der Tuscia-Universität von Marco Odorizzi, Direktor der Trentiner Stiftung ‘Alcide De Gasperi‘, begrüßt, der zusammen mit Matthias Fink vom Euregio-Büro die Euregio-Akademie 2019 offiziell eröffnete. Nach dem Abendessen stand der Besuch des Museums Casa De Gasperi auf dem Programm. Unter dem Motto „Auf drei Gläser Wein mit Alcide De Gasperi“ gaben Marco Odorizzi und der Önologe Tommaso Iori den jungen Erwachsenen einen Einblick in das Trentino, das untrennbar mit dem Autonomie- und EU-Gründervater Alcide De Gasperi und der Weinkultur verbunden ist. Dabei zogen sie Parallelen zwischen den Tief- und Höhepunkten im Leben von De Gasperi und dem lokalen Weinanbau beziehungsweise der Weinproduktion. Natürlich durfte der Wein auch verkostet werden. Bei dieser sehr interessanten Kombination aus Geschichte und Wein hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich in einer entspannten Atmosphäre besser kennenzulernen und den Abend in lustiger Runde mit italienisch-österreichischer Musik ausklingen zu lassen.

Euregio Akademie Pieve Tesino


Inhalt teilen:  Facebook google+ twitter