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Die Bedeutung des Hotel- und Gastgewerbes für den Arbeitsmarkt in der Europaregion Tirol

Im großen Saal der AK Tirol diskutieren am vergangenen Montag unter großem medialen Interesse Fachleute aus Tirol und Südtirol zum Thema „Wie kann das Hotel- und Gastgewerbe auch für heimische Beschäftigte an Attraktivität gewinnen, um den Fachkräftebedarf ausreichend zu decken?“

Die Bedeutung des Hotel- und Gastgewerbes für den Arbeitsmarkt in der Europaregion Tirol
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Es handelte sich dabei um eine Kooperationsveranstaltung zwischen der AK Tirol und dem Arbeitsförderungsinstitut Bozen unter der Schirmherrschaft der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino.

Nach den Begrüßungsworten von Herrn Mag. Matthias Fink, Vertreter des Landes Tirol bei der Euregio, zeigte Herr Dr. Haigner die volkswirtschaftliche Bedeutung des Hotel-und Gastgewerbes für die Länder Tirol und Südtirol auf und machte dabei deutlich, dass der Sektor „Tourismus“, von dem immer gesprochen wird, statistisch nicht existiert. Seine Zahlen bauten auf dem Nächtigungstourismus auf, welcher Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen umfasst. Neben den direkten volkswirtschaftlichen Auswirkungen aus den Ausgaben der Gäste gäbe es auch indirekte bzw. induzierte Effekte über die weiteren Ausgaben der Beschäftigten und Hoteliers im Land. Hier seien auch die unversteuerten Einkünfte aus Trinkgeldern und für Leistungen ohne Rechnung nicht zu unterschätzen, welche allein in Tirol ca. 800 Mio. Euro pro Jahr ausmachen. Aufgrund der Tatsache, dass in diesem Sektor ca. 50% der Beschäftigten aus dem Ausland kommen (in Tirol hauptsächlich aus Ungarn und Deutschland, in Südtirol aus Rumänien und der Slowakei, aber auch aus dem Rest Italiens), fließe jedoch vieles an Wertschöpfung aus dem Land wieder hinaus.

Frau Dr. Agreiter und Eduard Wieser sprachen über die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen im Gastgewerbe in Österreich und Italien, wobei sich die kollektivvertragliche Entlohnung kaum unterscheide. Ein Problem im Vergleich zu anderen Branchen wie dem Handel sei die Tatsache, dass laut österreichischem Kollektivvertrag Berufserfahrung bei Wechsel des Arbeitgebers nicht zähle und man immer wieder in der niedrigsten Lohnstufe anfange. Auch liege der Unterschied in der kollektivvertraglichen Entlohnung zwischen einem ungelernten Arbeiter und einem Facharbeiter bei nur 120 Euro brutto. Ein Kellner mit LAP komme so auf € 1.620 brutto, erst die regelmäßig anfallenden Überstunden (bis zu 55 Arbeitsstunden pro Woche seien erlaubt) würden das Gehalt attraktiver machen.

Nach der Pause wurden von Mag. Werner Pramstrahler die Ergebnisse einer europaweit durchgeführten Befragung zu den Arbeitsbedingungen für das Hotel- und Gastgewerbe präsentiert. So sind die Löhne im Gastgewerbe in Tirol deutlich geringer als in Südtirol und weit unter dem Durchschnittseinkommen. Auffallend sei auch, dass die österr. Beschäftigten mit 44% viel stärker Tabakrauch ausgesetzt sind als italienische mit nur 8% und in beiden Regionen im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz deutlich mehr Beschäftigte über überlange Beschäftigungszeiten klagen. Auch die Vertretung im Betrieb durch einen Betriebsrat findet sich in dieser Branche weder in Südtirol noch in Österreich. Dass sich ein großer Anteil der Befragten (Ö: 38%, Südtirol: 48%) nicht vorstellen kann, bis zum 60. Lebensjahr seinen Beruf weiter auszuüben, zeige klar auf, dass hier Handlungsbedarf bestehe, um qualifizierte MitarbeiterInnen zu halten.

Zum Abschluss des Vortagsblockes erläuterte Elide Mussner Pizzinini das Modell des Hotels in Corvara, in dem sie seit 12 Jahren beschäftigt ist. Dazu gehören neben einer alle zwei Jahre erstellten Gemeinwohlbilanz auch Weiterbildungen in der Arbeitszeit, viel Mitspracherechte der MitarbeiterInnen und die Aufteilung des Trinkgeldes auf alle Beschäftigten. Dadurch bekämen auch jene ArbeitnehmerInnen, die nicht im direkten Kontakt zu den Gästen stehen, ihren Anteil am Trinkgeld. 80% der Beschäftigten kämen aus der Region und blieben auch für viele Jahre im Betrieb.

Im Anschluss diskutierten unter der Moderation von TT-Redakteur Max Strozzi zum Thema „Regional auch beim Personal“ gemeinsam mit den Vortragenden der Geschäftsführer des AMS Tirol, Herr Anton Kern und der Vizepräsident der österreichischen Hoteliervereinigung und Hotelier am Arlberg, Herr Florian Werner. Anton Kern wies darauf hin, dass es sich um eine sehr sichere Branche handle, da sie nicht abwandern kann. Sie sei aber mit strukturellen Nachteilen wie Arbeitszeiten am Abend und Wochenende, Überstunden, Stress, schwererer Erreichbarkeit und mangelnde Kinderbetreuung zu den dort vorherrschenden Arbeitszeiten behaftet. Daher müsse sich die Branche doppelt anstrengen, um für Mitarbeiter in Zeiten von guter Beschäftigungslage attraktiv zu werden. Herr Werner biete bereits jetzt flexible Arbeitszeitmodelle nach den Wünschen der Mitarbeiter an und die Bezahlung von Schlüsselkräften liege auch weit über dem Kollektivvertrag, ansonsten bekäme er zum Beispiel keine Top-Köche für nur 4 Monate im Jahr nach St. Christoph a. A.. Als weitere Ideen wurden von den Diskutanten Teilzeitarbeitsmodelle und Kooperationen von Kleinbetrieben im Bereich der Kinderbetreuung und der gemeinsamen Personalentwicklung angesprochen. Wichtig sei es auch, das Image der Branche in den Köpfen der heimischen Bevölkerung zu verbessern. Hierfür bedürfe es gemeinsamer Anstrengungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.

Download-Links Vorträge:

https://youtu.be/9ryp4fzQPDc  Dr. Stefan D. Haigner

https://youtu.be/pE6ZlPFTHwQ  Dr. Martina Agreiter

https://youtu.be/JlKaoiK7F2s  Eduard Wieser

https://youtu.be/ZVw0KgfVE3E  Mag. Werner Pramstrahler

https://youtu.be/7CySYzkZZSE   Elide Mussner Pizzinini

https://youtu.be/QmWE7pL578s  Mag. Matthias Fink


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