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Studie zur Arbeitswelt vor und nach Corona: „Wir stehen am Beginn eines Kulturwandels“

Führt die Corona-Krise zu einem dauerhaften Wandel in der Art, wie und wo wir arbeiten oder geht am Ende doch alles gleich weiter wie davor? Das ist die zentrale Frage, der die Unternehmensberatungen Business Pool und Human Hub mit Standorten in Bozen und Innsbruck in der Studie „Veränderungen der Arbeitswelt durch Corona“ nachgingen. Befragt wurden 1460 Unternehmer und Führungskräfte sowie Mitarbeiter aller Branchen in Süd- und Nordtirol. Die offizielle Vorstellung erfolgte im Rahmen einer Euregio-Videokonferenz mit Vertretern der Wirtschaftskammer Tirol, der Handelskammer Bozen, der IDM und der Tirol Werbung.

Foto: Maximilian Troendle (Human Hub-Bozen), Günther Wurm (Business Pool-Bozen/Innsbruck), und Gernot Gruber (Politikwissenschaftler-Selbstständig).
Zoomansicht Foto: Maximilian Troendle (Human Hub-Bozen), Günther Wurm (Business Pool-Bozen/Innsbruck), und Gernot Gruber (Politikwissenschaftler-Selbstständig).

„In Phase 1 der Corona-Krise, die ab Mitte März einsetzte, war plötzlich nichts mehr wie es vorher war – mit enormen Auswirkungen auf unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben“, so Günther Wurm, Geschäftsführer der Business Pool GmbH und einer der Initiatoren der Studie. „Einen Monat später, Mitte April, führten wir diese Online-Befragung durch, um einerseits zu verstehen, wie die neue Normalität im Arbeitsleben aussieht und welche Tücken damit einhergehen. Andererseits wollten wir daraus Perspektiven ableiten für die Arbeitswelt von morgen“, erklärt Wurm. An der nicht repräsentativen Online-Befragung nahmen 1088 Mitarbeiter und 372 Unternehmer/Geschäftsführer teil, 80 Prozent davon aus Südtirol. Und zwar schwerpunktmäßig in den Sektoren  Dienstleistungen, Handel, Industrie, Handwerk und öffentliche Verwaltung. Die Antworten lassen sich grob in 3 große Blöcke gliedern: Arbeitsgestaltung während Corona, Einstellungen zur Arbeit und Wertehaltungen und Beziehungen bei der Arbeit.

Siegeszug flexibler Arbeitsmodelle

Was die Arbeitsgestaltung während Corona angeht, gaben – wenig überraschend – 90 Prozent an, dass sie sich aufgrund von Corona verändert habe. Damit war in den allermeisten Fällen „Smart Working“ bzw. Homeoffice als Teilbereich davon gemeint. Fast ein Drittel der Befragten arbeitete sogar gänzlich von zuhause aus. Die zentrale Erkenntnis dabei lautet: Rund 70 Prozent der Arbeitnehmer und Arbeitgeber äußern sich generell zufrieden mit dem Homeoffice und begrüßen das Modell. „Das ist insofern erstaunlich, da der Umzug ins Homeoffice in einer belastenden Gesamtsituation stattfand“, so Maximilian Troendle, Employer Branding Experte der Human Hub, und es etwa für Arbeitnehmer im Homeoffice wesentliche Erschwernisfaktoren gegeben habe, darunter die Doppelbelastung Familie und Beruf sowie die teils unbefriedigende Netzabdeckung und mangelnde Bandbreiten.

Was die konkreten Vorzüge dieses nun flächendeckend erprobten Arbeitsmodells angeht, kann man laut Studienautor Troendle keine allgemein gültige Aussage treffen. Manche würden den Produktivitätsgewinn schätzen, andere das konzentriertere und kreativere Arbeiten, wieder andere Kostenaspekte oder eine bessere Work-Life-Balance sowie ein Plus an Lebensqualität. „Was man insgesamt sagen kann, ist, dass das Thema Flexibilisierung der Beschäftigung in Form von Homeoffice und Co. deutlich an Bedeutung dazugewonnen hat – und zwar besonders bei der Zielgruppe der 25- bis 45-Jährigen. Durch die Tatsache, dass der überwiegende Teil der befragten Unternehmer dieser Entwicklung positiv gegenübersteht, deutet darauf hin, dass wir am Beginn eines Kulturwandels in der Arbeitswelt stehen“, erläutert Wurm.

Großer Wunsch nach Veränderung

Ein erhebliches Veränderungspotenzial offenbart die Corona-Krise auch beim Themenkomplex Einstellungen zur Arbeit und Wertehaltungen. Corona veränderte bei drei Viertel der Befragten Unternehmer und Mitarbeiter die Arbeitseinstellung. Besonders stark niedergeschlagen hat sich diese Veränderung bei den 25- bis 29-jährigen Arbeitnehmern. 40 Prozent gaben an, in der Krise ihren Arbeitsplatz wechseln zu wollen. Fast jeder zweite Unternehmer/Geschäftsführer überlegt - laut Umfrage - den persönlichen Bezug zur Tätigkeit zu verändern. „Wir haben auch gesehen, dass Werte in der Krise deutlich in den Vordergrund rücken. Werte wie die Sicherheit des Arbeitsplatzes, soziale Verantwortung und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Dies gilt sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber. Auf der Arbeitgeberseite war die Bedeutung dieser Werte deutlich stärker priorisiert als die Auftragslage zu halten. „Kurzum: Mitarbeiter halten war wichtiger als die reine Gewinnorientierung“, so Wurm. Im Schatten der Krise rückte das Umweltbewusstsein aus dem Fokus. „Das könnte sich in der nächsten Phase vielleicht wieder ändern, wenn es darum gehen wird, Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten.“ In Bezug auf konkrete Benefits gibt es starke Priorisierungsunterschiede zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, welche sich sehr stark zusätzlich innerhalb der Branchen unterscheiden.

Ein Thema, 2 Perspektiven

Deutliche Unterschiede zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung von Firmenchefs zeigt die Studie beim Kapitel Beziehungen bei der Arbeit. Knapp 40 Prozent der Arbeitnehmer beurteilen das Krisenmanagement ihrer Führungskräfte im Zuge der Krise als unangemessen. Das steht im Widerspruch zur Einschätzung der Führungskräfte und Unternehmer, die im Gegensatz dazu das Führungsverhalten zu 75 Prozent positiv beurteilen. Auch in Sachen Kommunikation sind es knapp 40 Prozent der Arbeitnehmer, die die Situation schlechter als vor der Krise einstufen. Knapp 80 Prozent der Arbeitgeber sehen die Kommunikation im Unternehmen nun als besser an. Eine weitere Diskrepanz: Das Bemühen der Unternehmer, Arbeitsplätze zu sichern und soziale Verantwortung zu zeigen hat keinen deutlichen Effekt bei den Arbeitnehmern. Nur ein Drittel der Mitarbeiter identifiziert sich nun stärker mit dem Unternehmen als vor der Krise. Über 60 Prozent der Unternehmer glauben jedoch, dass dem so ist.

Südtiroler optimistischer

In Bezug auf die Zukunftseinschätzung zeigt sich ein überaus interessantens Phänomen: In der Naheinschätzung, sprich in der Beurteilung der persönlichen Situation im Vergleich zur Gesamtsituation, gibt es einen eklatanten Unterschied. Sei es Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer beurteilen ihre persönliche Situation mehrheitlich (über zwei Drittel) als positiv, während die Einschätzung des Arbeitsmarktes bzw. der gesamtwirtschaftlichen Situation als sehr pessimistisch angesehen wird. Eine interessante Auffälligkeit ergibt der Vergleich zwischen Nord- und Südtirol. Die Nordtiroler Unternehmer sind deutlich pessimistischer als ihre Südtiroler Kollegen, was die Erwartung betrifft, den verlorenen Umsatz der letzten Wochen im heurigen Jahr noch aufzuholen. „Dies ist insofern überraschend, als dass der Lockdown südlich des Brenners deutlich länger anhielt“, meint Gernot Gruber, Studienautor und Marktforscher der Human Hub.

Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer wird neu definiert

Die Krise hat nicht nur Stärken und Schwächen der Unternehmen offengelegt, sondern auch die Notwendigkeit, Prozesse zu optimieren. „Auch hierzu geben 8 von 10 Arbeitnehmer und Arbeitgeber klare Hinweise, die es wohl nach der Krise umzusetzen gilt“, so Wurm. Auffällig in Nordtirol ist, 9 von 10 Unternehmern sehen einen Bedarf darin, Prozessoptimierungsprojekte anzugehen. „Eines hat die Krise ganz klar gezeigt, dass sich die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einem substanziellen Wandel befindet. Dies zeigen auch Ergebnisse der erwarteten Benefits und Werte, die sich noch stärker ausdifferenzieren. Die Unternehmen sind daher künftig noch mehr gefordert, eine gezielte Kommunikation sowohl mit den Mitarbeitern als auch mit den Bewerbern aufzubauen. Wir als Experten für Personal- und Organisationsentwicklung sind als Erste geforderte gemeinsam mit den Unternehmern und Personalverantwortlichen die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen“, meint Wurm abschließend.

Über Business Pool und Human Hub:

Business Pool unterstützt seit 20 Jahren zahlreiche namhafte Unternehmen in Nord- und Südtirol  mit fundierter 360- Grad-Beratung im Bereich Personal und Organisation und prämiert jährlich die Top-Arbeitgeber beider Länder durch den Top Company Award. Human Hub ist der lokale Experte für Employer Branding in Südtirol. Die spezialisierte Agentur erarbeitet gezielt über strategische Analysen Arbeitgebermarkenprofile und unterstützt ihre Kunden in der Mitarbeiter- und Bewerberkommunikation.  


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